Von Geisterhand

München wird immer wieder als sauberste Stadt Deutschlands, wenn nicht sogar Europas bezeichnet. Doch wem verdankt die Stadt eigentlich diesen besonderen Ruf?

Vor allem in Münchens Zentrum sieht es allmorgendlich so aus, als wären hier am Tag zuvor nur Saubermenschen unterwegs gewesen. Die Realität sieht aber anders aus. Verantwortlich für die geschleckten Straßenzüge sind nicht die braven Bürger, sondern neben penibler Planung und Koordination letztendlich die Müllmänner. Jeden morgen um 4 Uhr schwärmen sie aus. Gesehen werden sie von uns meist erst dann, wenn sie nach Stunden ihre erste wohlverdiente Pause machen.

Verschiedenste Nationalitäten werden täglich neu zu bunten Teams zusammengewürfelt und schleichen durch die noch dunklen Gassen der Innenstadt. Unter ihnen sind sowohl Menschen, die in ihrem ursprünglichen Zuhause keine Arbeit fanden, als auch politische Flüchtlinge. Viele von ihnen haben in ihrem Heimatland studiert und hätten eigentlich weitaus höhere Qualifikationen und Fähigkeiten zu bieten, als sie hier im Morgengrauen unter Beweis stellen dürfen. Aber diese bleiben uns genau so verborgen, wie die Müllberge, die allmorgendlich wie von Geisterhand von unseren Straßen verschwinden.

veröffentlicht in Biss-Magazin 05/2012